Unschooling-FAQ: Vorbereitung auf zukünftige Lebensaufgaben?

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Im Laufe der Zeit wiederholen sich die Fragen, die ich bezüglich unseres Lebens als Freilerner gestellt bekomme. Wie meine Kinder denn, wenn sie erwachsen sind, selbstständig klarkommen sollen, und wie sie ohne regelmäßigen Schulbesuch gesellschaftliche Normen und Regeln erlernen und üben Verantwortung zu übernehmen. Kann jemand zukünftige Lebensaufgaben meistern ohne je eine Schule im herkömmlichen Sinne besucht zu haben?

Unschooling - Meistern zukünftiger Lebensaufgaben

Wenn ich an mein eigenes (sehr erfülltes) Leben denke, dann hat mich die Schule wohl kaum auf irgendeine dieser Aufgaben vorbereitet: Schwangerschaft, Geburt, Kindererziehung, Kochen, Haushalt, Partnerschaft, Ehe, Häkeln (nein, noch nicht mal Häkeln habe ich in der Schule gelernt), Bücher schreiben (ich könnte die Liste wohl noch um Einiges verlängern). Und dennoch meistere ich diese „Aufgaben“ ganz gut, wenn ich das in aller Bescheidenheit so sagen darf. Wie ich das gemacht habe? Durch’s bloße Tun (auch bekannt unter dem englischen Motto „Learning by doing“). Sobald sich mir Hindernisse oder Schwierigkeiten in den Weg stellten, habe ich automatisch nach einer Lösung gesucht. Fast schon erscheint es mir redundant überhaupt darüber zu schreiben. Eigentlich handelt es sich dabei lediglich um die Art und Weise, in der Menschen schon seit Jahrtausenden ihr Leben meistern.

Wie sollen Kinder bloß Verantwortungsbewusstsein, Pflichtgefühl und Pünktlichkeit lernen, wenn sie nicht von klein auf täglich um die gleiche Uhrzeit in die Schule gehen? Kann es sein, dass Kinder ohne Schule nicht lernen später pünktlich zur Arbeit zu kommen oder sich an gesellschaftliche Normen und Regeln zu halten?

Meine Kinder bewältigen ihre heutigen, freiwillig gewählten Lebensaufgaben bereits sehr pflichtbewusst und gewissenhaft. Den beiden Ältesten wäre es ein Graus auch nur 10 Sekunden zu spät zum Ballett-, Kunstturn-, Klavier- oder Tennisunterricht zu kommen. Und Luna wäre wohl mehr als enttäuscht, wenn Nils, der Jugendtrainer, im Schachclub bereits mit der Lektion begonnen hätte, wenn wir den Raum betreten. Letzten Donnerstag durfte ich wieder dabei zusehen, wie meine 7-Jährige gesittet mit den anderen Kindern dem Schachlehrer lauschte und dabei die drei goldenen Regeln des Schachs wiederholte. Dass Luna dort ruhig sitzt und zuhört ist keine Zauberei, es hat auch nichts mit Gehorsam zu tun. Die Zauberwörter heißen „Freiwilligkeit“ und „Begeisterung“. Ist beides gegeben, dann wird ein Mensch, ob klein oder groß, lernen. Er wird sich bemühen und sich an die Normen und Regeln halten, weil Menschen nun mal von Natur aus soziale Wesen sind. Würde ich aber ein Kind, das überhaupt keine Freude am Schachpiel hat, jede Woche zum Training zerren, dann würde es wohl kaum dafür sorgen pünktlich zu erscheinen oder während der Schachpartie nicht zu stören.

Als wir letzte Woche mit meinem 4-jährigen Sohn zur Schnupperstunde beim Kinderturnen waren, hätte ein Außenstehender nicht sagen können, ob und, wenn ja, welches der Kinder nicht im Kindergarten ist. Schnell gliederte er sich in die Gruppe ein und kannte kein Halten als die Kinder beim Aufbau der Geräte helfen sollten. Die Trainerin war von Jaspers Hilfsbereitschaft hellauf begeistert.

Lebensaufgaben suchen sich meine Kinder heute aufgrund des Freilernens völlig eigenständig und erfüllen diese auch gewissenhaft. Hand auf’s Herz! Kann man das von allen Schulkindern und ihren künstlich oktroyierten Aufgaben (wie z.B. Hausaufgaben) auch sagen? Ich kann mich selbst noch sehr gut an meine Schulzeit erinnern, und daran, dass ich zwar immer gewissenhaft meine Hausaufgaben erledigt habe, aber auch nur, weil ich keine schlechte Note oder eine Ermahnung bekommen wollte. Begeistert bei der Sache war ich bei meinen Hausaufgaben in den seltensten Fällen. Viele meiner Schulkameraden erledigten ihre Aufgaben erst 5 Minuten vor Schulbeginn oder schrieben sie gar nur ab. Das taten sie sicherlich weniger für sich als eher für den Lehrer. Dass ich heute meine mir selbst gesetzten Ziele erreiche oder meine Lebensaufgaben meistere, hat herzlich wenig mit meiner Schulkarriere zu tun. Meine Kinder dürfen heute schon die Freiheit leben sich zu begeistern und ihre Lerninhalte selbst zu steuern. Sie bereiten sich also nicht auf ein zukünftiges selbstbestimmtes Leben vor, sondern leben und handeln schon heute selbstverantwortlich und pflichtbewusst. Und es ist eine Freude ihnen dabei tagtäglich zuschauen zu dürfen!

Mehr über unser Leben als Freilerner-Familie erfahrt Ihr hier! Mehr über das Freilernen im Allgemeinen könnt Ihr u.a. bei André Stern („Und ich war nie in der Schule“), John Holt („Learning all the time“) und John Taylor Gatto („Dumbing us down“) nachlesen. Mehr über das „Lernen mit Begeisterung“ erfahrt Ihr bei Prof. Dr. Gerald Hüther (Neurobiologe) im Interview.

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