Wie bringe ich meinem Kind etwas bei, das ich nicht beherrsche?

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Homeschooling (besonders die spezielle Form des Unschoolings) ist in Deutschland immer noch weitestgehend unbekannt. Aber nicht nur bei uns erntet man oft seltsame Blicke und bekommt stets die gleichen Fragen gestellt, wenn die eigenen Kinder ohne Schule aufwachsen. Das passiert Homeschooling-Eltern auf der ganzen Welt.

Oft werde ich gefragt, wie ich meinen Kindern Dinge beibringen kann, die ich nicht selbst beherrsche, z.B. bestimmte Fremdsprachen, Informatik, höhere Mathematik, Physik oder Chemie. Um korrekt darauf antworten zu können, muss ich zunächst einige Missverständnisse aus dem Weg räumen.

  1. Lernen ist eine Handlung des Lernenden und nicht des Lehrers

Auf den ersten Blick mag diese Aussage redundant erscheinen, dennoch wird mit dem Ausdruck „jemandem etwas beibringen“ genau das Gegenteil behauptet. Um etwas zu lernen, müsste von außen etwas „hinzugefügt“ werden. Ohne Lehrer würde das Lernen nicht funktionieren, so die Annahme. Wer sich jemals mithilfe eines  Buches, des Internets oder eines Youtube-Videos eine neue Fähigkeit oder Wissen autodidaktisch angeeignet hat, weiß, dass diese Annahme falsch ist. Dass ein Lernender das Rad nicht neu erfindet, sondern oftmals auf Wissen und Erfahrung anderer Menschen zurückgreift, bedeutet nicht, dass die Aktivität des Lernens von außen gesteuert wird. Motivation, Tempo und Fortschritt werden maßgeblich durch denjenigen gesteuert, der sich die neue Fähigkeit aneignen will.

2. Um jemandem beim Lernen behilflich zu sein, muss ich kein Profi auf besagtem Gebiet sein

Vorgekaute Antworten werden meist in der Schule dargeboten. Auswendiglernen gehört zu jeder guten Vorbereitung auf eine Klassenarbeit. Schließlich erwarten die Schüler, dass der Lehrer in seinem Fachgebiet Profi ist und ihnen sein Wissen gekonnt vermitteln kann. Zweifel und Fragen rücken dabei in den Hintergrund oder werden gar vom Lehrer vorgegeben. Was aber, wenn der Lehrer gar nicht die Frage stellt, auf die der Lernende eine Antwort sucht? Beim Unschooling geht es nicht darum fertiggekochte Antworten serviert zu bekommen, sondern die richtigen Fragen zu stellen und selbstständig Antworten zu finden. Dabei kann ich meinen Kindern behilflich sein, selbst wenn ich kein Profi bin.

Habe ich meinen Standpunkt soweit erklärt, folgt meist die nächste Frage: „Wie sollen Kinder denn dann Interesse an etwas Neuem finden, wenn kein Experte vor Ort ist, der das Angebot stellt?“

Genau das ist meine Aufgabe als Unschooling-Mutter. Dadurch, dass ich meine Kinder rund um die Uhr sehe, mich mit ihnen über ihre Interessen unterhalte, ihnen zuhöre und sie dabei beobachte, wie sie in bestimmten Situationen reagieren, kenne ich sie besser, als jeder Lehrer sie jemals aufgrund kurzer Momente im Schulalltag kennenlernen könnte. Ich erlebe hautnah ihre täglichen Lernfortschritte, weiß um ihre Stärken und Schwächen (was natürlich auf Gegenseitigkeit beruht) und kann in aller Ruhe darüber nachdenken, auf welche Weise ich ihre Vorlieben, Interessen und Fähigkeiten unterstützen kann.

Das mag nun alles ziemlich unkonkret und theoretisch klingen. Letzte Woche bot sich mir wieder die Gelegenheit meine Kindern auf oben beschriebene Weise zu unterstützen:

Mein Dreijähriger ist begeisterter Puzzler, liebt Brettspiele, löst gerne Rätsel und hat große Freude am Auswendiglernen verschiedenster Namen. Er kann sie alle aufzählen, seine Dinosaurier. Von „A wie Allosaurus bis V wie Velociraptor“. Gelernt hat er sie mithilfe seiner Dino-Trumpfkarten. In seiner Sammlung befinden sich auch Trumpfspiele mit Schiffen, Autos, Traktoren und Meerestieren. Dank dieser Karten weiß er mittlerweile zu berichten, dass ein Seeigel bis zu 200 Jahre alt werden kann. Wusste ich das vorher? Hatte ich jemals in der Schule dermaßen viel über Meerestiere gelernt, wie nun zusammen mit meinem dreijährigen Sohn? Niemals! Und wie habe ich ihn dazu bekommen diese Karten quasi auswendigzulernen? Gar nicht! Das hat er komplett allein gesteuert. Es war der Sohn der seine Mutter überzeugte ihm im Buchladen ein Trumpfspiel nach dem anderen zu kaufen und dann zuhause immer und immer wieder mit ihm Karten zu spielen.

Dieses Wissen über die Fähigkeiten und Interessen meines Sohnes (und meiner Töchter) inspirierten mich nun letzte Woche dazu endlich einen lang aufgeschobenen Plan in die Tat umzusetzen. Schon öfters hatte ich mir vorgenommen das Schachspiel zu erlernen. Also bestellte ich kurzerhand ein Schachbrett und das Buch „Das große Schachbuch für Kinder: Spielend Profi werden“. Die Begeisterung der Kinder war groß, als ich die gold- und silberfarbenen Schachfiguren auspackte und sie aufs Schachbrett stellte. Ich ließ sie erst damit herumspielen und widmete mich wortlos dem Buch. Da regnete es auch schon von allen Seiten Fragen.

„Wie spielt man das?“ „Wo stelle ich die Figuren richtig hin?“ „Der hat eine Krone, ist das ein König?“ „Wie gewinnt man das Spiel?“

Nun, da ich selbst kein Schach spiele, schlugen wir gemeinsam im neuen Buch nach und erlernten gemeinsam die ersten Schritte des Schachspiels. Nach kürzester Zeit kannten alle drei die Namen jeder Figur und auf welche Weise sie jeweils ziehen dürfen. Ganze 45 Minuten hielt auch mein Dreijähriger bei unserer ersten gemeinsamen Schachlektion durch. Die Neugier ist geweckt, das Brett steht nun für alle zugänglich auf dem Wohnzimmertisch und das Schachbuch im Regal. Und so lernen Unschooler ohne ungefragte Unterweisung durch „Profis“.

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