Warum Unbeschulte keine Fehler machen dürfen

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Warum dürfen Homeschooler keine Fehler machen?

Unser 4-jähriger Sohn bei seinen Schreibübungen

Neulich schrieb mich auf Twitter eine empörte Schulverfechterin an. Eine mir unbekannte amerikanische Dame hatte sich wohl durch den Hashtag #unschooling gekämpft und sich auf einen meiner Tweets gestürzt. Nicht etwa weil dieser besonders provokativ gewesen wäre, sondern weil er einen Fehler enthielt.

Mein Tweet enthielt also einen Rechtschreibfehler. Ihrer eigenen Aussage zufolge musste die fremde Dame nicht mehr über das „Unschooling“ wissen. Sie konterte gleich mit einer Reihe eigener Hashtags wie z.B. „#unschoolingworks #NOT“. Bildung sei schließlich wichtig. „Wie amüsant“, dachte ich so bei mir. Da habe ich 13 Jahre meines Lebens in Schulen verbracht, zudem noch zwei Jahre an einer Universität und schließlich drei Jahre an einer Berufsschule und nun führt eine mir völlig Fremde einen Tippfehler auf meine mangelnde Bildung zurück. Oder stellt sie damit etwa meine Erziehungskompetenz als Homeschooling-Mutter in Frage? So oder so, schießt sie sich damit nur ins eigene Knie. Das dämliche Argument mein Fehler wäre auf das Unschooling zurückzuführen zieht bei mir nicht. Ein Abitur (mit Abschlussnote 1,3) schützt eben auch nicht davor, mal einen Fehler zu machen. Ganz und gar nicht. Wedelt man Kritikern wie dieser Dame mit einem Schulzeugnis vor der Nase herum, dann besteht plötzlich kein Zusammenhang zwischen der „genossenen“ Schulbildung und individuellem Versagen. Irren ist schließlich menschlich, nicht wahr?

Fehler sind menschlich

Anders sieht das schon aus, wenn jemand nicht mit irgendwelchen Zettelchen, Smileys, Auszeichnungen oder Zeugnissen dienen kann. Dann hat plötzlich jeder noch so kleinste Tippfehler, jedes noch so kleinste Missgeschick und jeder noch so kleinste menschliche Makel seinen Ursprung in der Nichtbeschulung. Warum nur? Sind Homeschooler keine normalen Menschen? Gelten für sie nicht dieselben Regeln wie für Beschulte? Warum wird von Menschen, die sich nicht dem durchschnittlichen Standard einer Schule aussetzen, ein höheres Niveau erwartet? Hat man je davon gehört, dass Eltern mit Sorgerechtsentzug gedroht wurde, falls ihr Kind in der Schule nicht mitkommt, ja, gar sitzenbleibt? Werden jemals Lehrer oder Schulen zur Verantwortung gezogen, wenn Schüler nicht dem geforderten Standard entsprechen, nicht den Ansprüchen der Lehrer genügen? Aus meiner eigenen Schulzeit weiß ich, dass das Versagen eines Schülers stets auf den Schüler selbst zurückfiel, auf angebliche Faulheit oder Dummheit. Bei 14,5% Analphabeten-Quote in Deutschland sollte vielleicht mal das Konzept „Schule“ hinterfragt werden. Stattdessen wird es unhinterfragt weiterhin als unausweichliches Schicksal eines jeden Kindes akzeptiert.

Unsere zwei ältesten Töchter sollen sich bald einer Lernstandfeststellung unterziehen. Das Ergebnis soll Aufschluss darüber geben, ob das Unschooling/Homeschooling per se ein Irrweg sei und dem Kindswohl schade. Über den positiven Ausgang dieser Überprüfung bin ich mir mehr als sicher. Dennoch weiß ich, dass meine Kinder einen hohen Standard erfüllen müssen. Jeder kleinste Fehler würde wahrscheinlich dem Homeschooling selbst angelastet werden. Plötzlich soll die Art der Beschulung die Schuld für das allzu menschliche Versagen tragen. Witzig, nicht?

 

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