Unschooling heißt Loslassen

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LesenSeitdem mein Mann und ich uns für das Unschooling entschieden haben sind schon einige Jahre vergangen. Im Laufe dieser Zeit haben nicht nur unsere drei Kinder Vieles gelernt, sondern auch wir Eltern. Im Fachjargon wird diese Entwicklung der (ehemals beschulten) Erwachsenen als „Deschooling“ bezeichnet. Und sich von den seit der Kindheit vorwiegend in der Schule antrainierten Verhaltensweisen zu lösen, ist gar nicht mal so einfach. Aber es lohnt sich!

Viele von uns sind von Kindesbeinen an einem ganz bestimmten Faktor in unterschiedlichem Maße ausgesetzt: dem Kontrollzwang anderer. Vor allem in Kindergarten und Schule lernen die Kinder, dass sie sich der Kontrolle Erwachsener fügen müssen. Gelenkt wird so allerlei: das Essverhalten, der Toilettengang, Lerninhalte… Und seien wir mal ehrlich, ein Lehrer, der „seine Schüler“ nicht unter Kontrolle hat, erweckt wahrscheinlich in den Augen seiner Kollegen einen eher inkopetenten und hilflosen Eindruck.

Geister der Vergangenheit

Nun habe ich natürlich keine 20 Kinder bei mir zuhause sitzen. Ich muss weder für Ruhe sorgen, um meine Kinder mit irgendwelchen Fakten zu berieseln, noch irgendwelche Lehrpläne einhalten. Meistens fällt mir noch nicht mal mehr auf, wie sehr ich mich schon von althergebrachten Zwängen aus meiner eigenen Kindheit (Bettgeh- und Essenszeiten, Hausaufgaben) befreit habe. Und doch sind leider noch genügend Geister der Vergangenheit am Werk.

Erst heute erwischte ich mich wieder dabei, wie ich versuchte meine Älteste (7 Jahre) zum Lesen zu „motivieren“. Ich hatte gerade die Geschichte von Daniel in der Löwengrube gelesen, da konnte ich der Versuchung nicht widerstehen meine Tochter darum zu bitten, mir die Überschrift der nächsten Geschichte vorzulesen. Zögernd las sie die Überschrift korrekt vor. Weiterlesen wollte sie dann jedoch nicht. Sie verdrehte die Augen und bei mir klappte ein kleiner, aber hartnäckiger Schalter um.

Als hätte ich neben mir gesessen und mir beim predigen selbst zugehört, konnte ich es selbst kaum glauben, als ich wieder die Leier von der Wichtigkeit des Lesens von mir gab. „Oh nein, hör bloß auf, nicht schon wieder“, appellierte eine leise Stimme an meinen gesunden Menschenverstand als wieder die Kontrollsucht mit mir durchging. Und da ließ ich wieder ab von dem Gedanken meiner Tochter abermals erklären zu müssen, wie wichtig das Lesenlernen ist. Er hatte sich in meinem Kopf festgebissen wie ein tollwütiger Hund im Fleisch seines Opfers. Da ließ ich loß. Schenkte meiner Tochter Vertrauen und kam dank der Erinnerung an ihre bisherigen Lernerfolge wieder zur Besinnung.

Letztes Jahr hatte Emma mit dem Klavierspielen begonnen. Ganz allein saß sie mit ihrem Klavierbuch damals stundenlang vor dem Insrument und übte, lernte neue Töne in Windeseile kennen, las die Titel der Lieder, die sie spielte und arbeitete ihren ersten Klavierlehrband innerhalb eines Sommers durch. Warum nur plagen mich dann hin und wieder Zweifel, dass sie das Lesenlernen genauso gut lernen wird? Ich vermute es liegt daran, dass mir (so wie den meisten von uns) gebetsmühlenartig eingetrichtert worden ist, dass es nur bestimmte kurze Lernfenster gibt, dass Kinder nur Lernen und Üben, wenn man sie dazu anhält, und dass es irgendwann zu spät sei bestimmte Fertigkeiten zu erlernen. Mein Kopf weiß, dass das alles Humbug ist.

Die Neugier unbemerkt stillen

Beruhigung und Abmilderung meines Kontrollzwangs bezüglich des Lesenlernens erfuhr ich, als Luna mit 5 Jahren anfing zu lesen. Am liebsten liest sie ihre Filly-Zeitschriften, Bibelgeschichten, und alles, was so auf Milch- und Cerealenpackungen steht. Sie zeigt gerne, was sie kann. Neulich bat sie mich sogar ihr Rätsel zu stellen. Im Gegensatz zu ihrer extrovertierten Schwester, lernt Emma lieber für sich im im Stillen. Das Klavierspiel ihrer Enkeltochter haben Oma und Opa erst nach einigen Wochen zu hören bekommen. Geprüft wird Emma ungern, bloßes Nachfragen meinerseits kann schon zum Verstummen meiner Tochter führen. Das heißt jedoch nicht, dass sie weniger oder langsamer lernt. Es heißt nur, dass ich als Mutter anders darauf reagieren muss. Meine Neugier bezüglich der Lernfortschritte meiner Tochter muss ich vorsichtig und indirekt stillen. Ich muss genauer beobachten und geduldiger sein. Und vor allem muss ich loslassen; den Zwang loslassen meine Tochter unterbewusst doch als Schülerin zu sehen, deren Bildung ich kontrollieren muss.

Fazit: Ich muss mich mehr kontrollieren, meine Kinder nicht zu kontrollieren.

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