Über das „Gammeln“

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Als Unschooler führen wir ein Leben ohne Stundenplan, werden morgens nicht vom Wecker, sondern von der aufgehenden Sonne geweckt. Die Kinder folgen ihren eigenen Interessen.  Wenn wir mal nicht im Wildpark, Zoo, Schwimmbad oder auf dem Spielplatz anzutreffen sind, dann spielen die Kinder vorwiegend den ganzen Tag. Sie lieben es Bücher anzuschauen, Bilder zu malen, zu kneten, Loombands zu basteln, zu kochen, zu backen… Manchmal sitzen sie aber auch auf dem Sofa und schauen einfach ihre Lieblingsserie “My Little Pony”. Es gibt Eltern, die würden das “gammeln” nennen. Aber was soll das eigentlich heißen?

Wenn Kinder in den Tag hineinleben und keine von Erwachsenen aufgezwungenen Aufgaben erfüllen, dann haben sie auch die Kontrolle über ihre Entwicklung und Bildung. In der Schule lernen Kinder, dass diese Kontrolle in den Händen der Erwachsenen liegen sollte. Erwachsene müssten den Tagesablauf und die Aktivitäten der Kinder bestimmen, da die Kinder sonst faul und nutzlos in der Gegend dahin vegetieren würden. Dieses Misstrauen gegenüber Kindern ist jedem von uns schon früh eingeimpft worden. Sofern wir als Eltern diesen Trugschluss nicht entlarven, geben wir das Misstrauen an unsere eigenen Kinder weiter, die dies spüren und sich den ihnen entgegengebrachten Erwartungen entsprechend verhalten werden. Selbsterfüllende Prophezeihung ahoi!

Meine Kinder spielen sehr viel, und das ist auch gut so. Sie sitzen nicht 6 Stunden am Tisch und üben schreiben, lesen und rechnen. Das üben sie ganz natürlich während ihres Alltages. Ich gebe zu, dass ich, da ich selbst 13 Jahre lang beschult wurde, manchmal Angst hatte, meine Kinder würden ohne die Aufforderung etwas “Produktives” zu machen nur “rumhängen” oder auch “gammeln”. Was aber bedeutet es überhaupt “zu gammeln”? Abgestorbene Dinge verfaulen, sie vergammeln. Lebensmittel sind nach Eintritt der Fäule nicht mehr genießbar. Menschen, oder besser gesagt ihre körperlichen Hüllen, verfaulen erst nach ihrem Tod. Solange ein Mensch lebt, lernt er. Jede noch so kleine Erfahrung, jeder Atemzug, jede Hirnaktivität hindert uns am Gammeln. Selbst im Schlaf gammeln wir nicht, obwohl wir uns weder geistig noch körperlich anstrengen.

Wenn Menschen also Aktivitäten mit der Bezeichnung des “Gammelns” belegen, dann werten sie diese ab. Den Tätigkeiten wird Legitimation abgesprochen, sie werden als unwichtig, nutzlos oder sogar schädlich deklariert. Impliziert wird der Verfall, der geistige Tod. Welche Dinge und Aktivitäten für einen Menschen jedoch hinsichtlich seiner Entwicklung nützlich und wichtig sind, das kann nur jeder selbst für sich entscheiden. Daher wäre, wenn überhaupt, der Begriff des „Gammelns“ viel treffender für den Zustand, in dem sich resignierte Schüler befinden, denen die Freiheit genommen wurde, ihr Lernen selbst zu dirigieren. Wir sind nicht alle zu Dichtern, Sportlern, Musikern oder zu Programmierern geboren. Stundenlanges Computerspielen kann für den Einen so spannend bzw langweilig sein, wie für den Anderen das Lesen. Bei beiden Tätigkeiten sitzt man meist still da, und viel wird dabei gelernt. Warum also, belegen viele von uns das Computerspielen als “gammeln” und das Lesen nicht?

Die Antwort lautet: Angst. Und das Gegenmittel dazu ist Vertrauen.

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2 thoughts on “Über das „Gammeln“

  1. Ich stimme dem nur teilweise zu. Gammeln kann auch lesen sein – wobei man unstrittig etwas lernt. Selbst bei noch so anspruchslosem Inhalt werden Verknüpfungen aktiviert, wir sortieren, ordnen ein, denken –> lernen!
    Ich glaube, gammeln in dem Sinne des sich Langweilens und nichts Lernens tun nur Menschen, Kinder, die überfordert sind von sich, der Gesellschaft, ihren Anforderungen.
    Alle anderen hängen vielleicht mal eine Weile herum, aber fangen dann etwas „sinnvolles“ an, weil es ihnen eben sonst langweilig wird. Weil sie sich selber fordern wollen!
    Ich würde viel mehr das rumhängen mit Freunden (gilt auch für den Erwachsenen-Kaffeklatsch) als Gammeln bezeichnen, als Zeiten in denen ich fernsehe, lese, im Internet stöbere. All das sind für mich Zeiten, in denen mein Gehirn arbeitet, also lernt.
    Insofern: Schön, dass ihr das so für euch umsetzen könnt. Mein Sohn liebt seinen Kindergarten, er freut sich jeden Tag darauf. Und ich bin auf die Betreuungszeiten angewiesen, das kommt noch dazu. Aber der Gedanke des Unschoolings gefällt mir gut. Allerdings fürchte ich, selbst wenn die äußeren Gegebenheiten da wären nichts für mein Kind. Ich mache mich also statt dessen mal auf die Suche nach einer möglichst freilerndenen Schule……

    • Vielen Dank für Deinen Kommentar! Ich freue mich, dass Du mit dem Begriff des Unschoolings (Freilernens) etwas anfangen kannst. Solange unser Gehirn arbeitet, lernt es, also ständig. Ich lerne stets besonders viel, wenn ich mich einfach bei einer Tasse Kaffee mit meinen Freunden unterhalte. Daher ist auch das kein Gammeln im oben beschriebenen Sinne für mich. Die amerikanische Unschooling-Mutter Sandra Dodd hat zu dem Thema sogar einen eigenen „Feiertag“ ins Leben gerufen: Am 24. Juli ist „Learn Nothing Day“ und er geht jedes Jahr in die Hose… http://sandradodd.com/learnnothingday/
      Ich bin sehr gespannt darauf, ob Ihr eine für Euch passende Freie Schule findet. Falls Du Lust auf Austausch hast, melde Dich gerne bei mir.
      Liebe Grüße,
      Lucia

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