Tanzen als Kinderdressur

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Wenn sich Emma und Luna die Ballettschuhe und Glitzerröcke anziehen und die Stimme von Johnny Cash lauthals aus der Anlage schmettert, dann ist eins klar: Jetzt ist Stimmung in der Bude. 
Die Tänzerinnen denken sich immer wieder neue Choreografien aus, stehen auf einem Bein, drehen Pirouetten und springen freudestrahlend durch das Wohnzimmer.
Als ich den Mädchen erzähle, dass es bei Sportspaß Hamburg Kindertanzkurse gibt, ist Luna gleich Feuer und Flamme. Emma nimmt sich erst ein Mal nur vor zuzuschauen. Also ab zum Tanzkurs…
Zu Beginn der Stunde herrscht noch reges Treiben in der Halle, Mädchen sowie Jungen hüpfen zu peppiger Musik kreischend herum und freuen sich auf das gemeinsame Tanzen. 
Wir setzen uns an eine Seite des Raums, da Emma und Luna das ganze Treiben zunächst aus der Ferne beobachten wollen. Die Tanzlehrerin stellt sich vor und regt tatsächlich an die Mädchen gleich alleine zu lassen, um die anderen Kinder nicht abzulenken. Schließlich könnten diese auch auf die Idee kommen ihre Eltern dabei haben zu wollen…. naja.

Gruselige Dressur


Zwei Mal in die Hände geklatscht und Sahra, die Kursleitung, versammelt die Kinderschar um sich herum. Alle Kinder sollen sich an der Hand fassen, einen Kreis bilden und sich dann „ruhig“ hinsetzen. Eine Illusion bei 3-5 Jährigen! Natürlich tanzen einige Kinder aus der Reihe und werden so gleich ermahnt. Ein strenger Blick und ein Mal fest zugepackt: da sitzt auch das letzte Kind gehorsam auf dem Boden. Als nächstes geht die Tanzpädagogin im Kreis herum und tippt jedem Kind einzeln auf die Nase, damit es seinen Namen nenne. Emma und Luna gucken mich entgeistert an. „Sie fasst sie an!“ Ich versichere den Mädchen, dass sie nicht angefasst werden und wir beobachten weiter…

Manipulation par excellence


Nach der Vorstellungsrunde geht es mit einigen Aufwärmübungen und Spielen los. Dabei kreischen die munteren Kinder selbstverständlich wieder. Es ist eine Freude ihnen zuzuschauen. Doch dann greift Sahra wieder ein: „Dies ist ein Tanzkurs und kein Schreikurs. Wen ich schreien höre, der hat verloren.“ 
Puuh. Das ist dann doch zu viel für meinen Mann. Er räumt das Feld und geht hinaus. „Das kann ich mir nicht mehr mit ansehen.“
Auch mir wird langsam schlecht, ich würde auch gern flüchten, aber Emma und Luna wollen weiterhin zuschauen. Ich denke mir: „Wie bei einem Unfall. Der ist auch furchtbar und man kann nicht wegsehen…“

Irgendwelche Kinder „stören“ Sahras Unterricht immer. Nach dem zigsten genervten „SHHHH“ reißt sie die Augen drohend auf und mahnt: „Ich sag das jetzt zum letzten Mal, Fräulein!“ Kurz überkommt mich der Drang sie zu fragen, was bei der nächsten Störung passiert. Ob sie dann wohl wieder handgreiflich wird?
Nun läutet Madame Sahra die Trinkpause ein. Ich verspüre eine tiefe Erleichterung, teile den Kindern mit, dass ich auch hinausgehen will, um etwas zu trinken und kann so endlich fliehen: vor Sahra und dieser unsäglichen Kinderdressur. 
Emma und Luna wollen nicht mehr zum Kindertanzen, es hat ihnen ebenfalls gereicht. „Beim Turnen können wir machen, was wir wollen und schreien und hüpfen“, sagt Luna. Und Emma fügt hinzu: „Ich tanze lieber zuhause mit Johnny Cash!“ Unsere Kinder lieben halt ihre Freiheit…



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One thought on “Tanzen als Kinderdressur

  1. oha, klingt schrecklich. Und am Ende werden sie dann meistens noch genötigt, sehr sexistisch anmutende Tanzbewegungen irgendwelcher „Stars“ zu kopieren…so ist es leider hier bei uns, darum fällt der Tanzkurs für Lisi leider auch aus.

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