Den eigenen Weg finden

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Unschooling - intrinsic motivationDank meines Blogs und dem positiven Feedback zum Thema Unschooling, merke ich, dass es auch in unserem Land zahlreiche Menschen gibt, die der freien Bildung aufgeschlossen gegenüberstehen. Auf Twitter unterhielt ich mich vor einigen Tagen mit jemandem über die Schule und die traurige Notwendigkeit von Gehorsam, die diese Institution von freien Individuen fordert. Er gab zu den Unterschied zwischen Unschooling und Heimbeschulung nicht zu verstehen, und wie „Lernen“ möglich sein soll, wenn Kinder nicht still und aufmerksam zuhören…

Die meisten von uns kennen das. Da sitzen 20-30 Kinder in einem Raum; wenn es nach dem Lehrer geht, still und aufmerksam lauschend um auch nichts zu verpassen oder den Unterricht zu stören. Disziplin und Gehorsam dem Lehrer gegenüber werden zwangsläufig erwartet. Wie sollte ein Lehrer vorne sonst auch zu Wort kommen? Klingt plausibel, nicht? Nicht jedes Kind wird gerade in diesem Augenblick jedoch genau an diesem Thema interessiert sein. Nun ja. Das ist halt in meinen Augen das Problem der Schule, das sich auch durch Verbesserung der Lehrmethoden und Inhalte nicht ändern lässt. Es ist schließlich unmöglich zu erwarten, dass sich zwanzig Menschen im selben Augenblick für dasselbe begeistern.

Das Problem würde sich bei einer Heimbeschulung meiner Kinder nun auf drei Menschen reduzieren. Die Wahrscheinlichkeit einer gemeinsamen Motivation für eine Aktivität ist höher, dennoch zu gering um nicht mindestens ein klitzkleines Bisschen an Überredung bzw externer Motivation zu erfordern. Wie also etwas erklären, wenn keiner zuhören will? Versteht mich richtig: Ich erkläre meinen Kindern auch Dinge, jedoch nur wenn sie mich explizit danach gefragt haben. Dann lauschen sie auch interessiert und fragen. Wenn ich die Antwort nicht kenne, suchen wir gemeinsam in Büchern, dem Internet oder durch Experimentieren nach Antworten und Lösungen. Mit dem Reden höre ich sofort auf, wenn ich merke, dass das Interesse nicht mehr besteht und meine Erklärungen sie ermüden.

Die Idee kommt vom Kind

Nun mag man denken: Freiwillig werden sich die Kinder doch niemals an den Tisch setzen um Lesen oder Schreiben zu üben. Das kann ich verneinen. Die beiden älteren (4 und 6) sitzen oft am Wohnzimmertisch und Malen, Schreiben, Rechnen, bekleben ihre Stickerbücher, Basteln etc. Stets kommt da die Motivation und die konkrete Idee der Aktivität von ihnen. Vor Kurzem wachte die Älteste morgens mit der Eingebung auf ein Einhorn zu basteln. Ich war geneigt meine eigenen Vorstellungen gleich mit einfließen zu lassen, hielt mich dann jedoch zurück und versuchte ihr lediglich dabei zu helfen einen eigenen Plan zum Anfertigen eines solchen Einhorns auszuarbeiten.

„Was brauchst du? Aus welchem Material soll es sein? Wie groß wird es?“ Derlei Fragen stellte ich und half Emma dabei die benötigten Materialen zu besorgen. Kurze Zeit später saß eine hochkonzentrierte Emma am Wohnzimmertisch und bastelte ihr Einhorn, das sie mir hinterher freudestrahlend präsentierte.

Wie schief es gehen kann, wenn auch nur die leiseste Motivation von außen oktroyiert wird, zeigte mir ein anderes Beispiel. Emma wollte wieder basteln. Nur fehlte ihr dieses Mal die Idee. Also kramte ich in meinem Hirn nach altersgemäßen Bastelideen, für die ich Material auf Lager hatte. Immerhin wusste meine Tochter, dass sie etwas aus Papier herstellen wollte. Also hatte ich die (für mich) sagenhafte Eingebung im Internet nach leichten Origami Anleitungen zu suchen. Schnell wurde ich fündig. Wieder saßen Emma und ich am Wohnzimmertisch. Nur war dieses Mal etwas anders. Zwar freute Emma sich hinterher einen eigenen Schwan gefaltet zu haben, dennoch spürte ich ein gewisses Unbehagen. Sie weinte während des Bastelns einige Male, weil sie sich so darüber ärgerte, dass es nicht so klappen wollte, wie sie sich das vorgestellt hatte. Ich versicherte mich, ob sie auch wirklich noch Spaß am Falten hätte. Auf keinen Fall wollte ich, dass sie nur mir zuliebe am Tisch sitzen bliebe. Sie wollte tatsächlich weiterfalten, doch ihre eigene Phantasie schien im Konflikt mit der tatsächlichen Handlung zu sein. Natürlich reagiert jeder Mensch anders darauf. Meine Tochter scheint auf extrinsische Motivation extrem sensibel zu reagieren. Und daher lasse ich es nun. Lasse Emma in ihrer Ideenfindungsphase zwar nicht allein, gebe jedoch nicht zu viel von meiner eigenen Phantasie hinein, um die ihre nicht zu zerstören.

Und genau dabei geht es beim Unschooling. Jeder Mensch, ob jung oder alt, kann nur selbst wissen, was wann gut für ihn ist. Wir stecken nicht in den Köpfen und der Phantasie anderer Menschen. Wir als Eltern können unsere Kinder liebevoll dabei unterstützen ihren Weg zu finden und ihre Ideen umzusetzen. Daher folgen wir persönlich in keinster Weise einem Curriculum. Ich vertraue auf die innere Neugier meiner Kinder und ihren angeborenen Drang zu lernen und am Leben teilzuhaben. Das bedeutet für mich dann auch stets aufmerksam zu sein und die kleinsten Signale und Interessen der Kinder wahrzunehmen. Es ist quasi ein 24h Job!

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