Auch Unschooling-Eltern sind bloß Menschen

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Oft habe ich hier schon vom bereichernden Leben als Unschooling-Familie, von täglichen Lernerfolgen, dem damit verbundenen Spaß und unzähligen Aktivitäten berichtet. Ich will jedoch weder mir noch anderen etwas vormachen. Unschooling (vor allem die Variante des Radical Unschoolings) kann eine große Herausforderung sein, vor allem, wenn man selbst ganz anders aufgewachsen ist.

Wenn ich mit meinen drei Kids alleine unterwegs bin, kann so Einiges passieren. Starke Nerven brauche ich auf jeden Fall, da mindestens ein Kind immer irgendwie emotionale Hilfstellung braucht (ugs: „quengelt“). Gravierend fällt dies beim Einkauf im Supermarkt auf, den meine Kinder natürlich, da sie weder einen Kindergarten noch eine Schule besuchen, dann ebenfalls mit mir absolvieren.

Als ich letztens wieder ein Mal so einen Einkauf mehr oder weniger erfolgreich hinter mich gebracht hatte, sprach mich eine ältere Dame auf dem Parkplatz an: „Wie Sie das schaffen! Das bewundere ich! Und der Kleine (mein Einjähriger) ist ja so ein Braver! In den Ferien ist Einkaufen sicher um Einiges anstrengender, nicht?“

„Oh, die sind nicht im Kindergarten, ich kaufe immer so ein…“ Ein erstaunter Blick. Und die Bewunderung der alten Dame steigert sich. „Na, dann muss ich Sie ja nur noch umso mehr bewundern!“

In diesem Augenblick sind jegliche innerlichen Nervenzusammenbrüche in Supermärkten und Spielwarenläden vergessen. Dieses Kompliment geht runter wie Öl und ist Balsam für meine etwas angeschlagene Mutterseele, die sich häufig Vorwürfe macht in bestimmten Situationen nicht besser, sprich freundlicher, empathischer und mütterlicher reagiert zu haben. Schließlich haben mir Bücher und Blogs von anderen Unschooling-Familien, vornehmlich aus den USA, den Eindruck vermittelt Unschooling-Eltern seien stets die liebevolle Ruhe in Person. Ein Wunschbild vom eigenen Mutter-Ich baut sich da schnell auf, dem kein normaler Mensch gewachsen ist.

Und dann überlege ich kurz, und frage mich, ob ich manchmal vielleicht nicht viel zu streng mit mir bin. Ob meine Kinder nicht womöglich Vieles aus meinen gelegentlichen emotionalen Ausbrüchen lernen können? Und ob ich nicht erst durch diese Fehler und die Reflexion darüber zu meinem eigenen Weg als Unschooling-Mutter finde? Schließlich kann ich nicht erwarten trotz meiner autoritär geprägten Kindheit mit einem Schlag ein völlig umgekrempeltes Individuum zu werden, nur weil ich mir das vornehme. Es mir vorzunehmen, war für mich der erste Schritt hin zu einem erfüllteren Leben. Aber erst in der realen Auseinandersetzung mit meinen Kindern und deren Gefühlen, Ängsten, (ganz normalen)  Wutausbrüchen, Stimmungsschwankungen und Forderungen an mich kann ich erst wachsen.

Durch meine eigenen emotionalen Zusammnbrüche erkennen meine Kinder zudem, dass Eltern keine Roboter sind, die auf alles eine Antwort und stets alles unter Kontrolle haben. Sie erfahren, dass es normal und gesund ist Emotionen auszuleben, solange man niemandem körperlich schadet. Diese Erfahrung durfte ich in meiner Kindheit mit meiner eigenen Mutter nicht machen. Vielleicht rührt daher meine überzogene, perfektionistische Erwartungshaltung mir selbst gegenüber. Eine Mutter, die Fehler eingesteht und bei mir um Entschuldigung bittet, habe ich nie kennengelernt. Daher empfinde ich es heute als umso wichtiger konfliktbeladene Situationen mit meinen Kindern nicht zu meiden, sondern deren und meine Gefühle zuzulassen, auch wenn es unsagbar schmerzt. Auch mir huschen bei zu viel Schmerz dann Sätze wie: „Ach komm, ist nicht so schlimm. Hör auf zu weinen!“ über die Lippen, die ich schon kurz darauf bereue.

Nach einer emotional etwas zermürbenden Woche kann ich daher nun zumindest freudig über die Erkenntnis schreiben, dass meine Fehler und die damit verbundenen Schmerzen, die sie in mir auslösten, wieder dazu beigetragen haben, in Zukunft in bestimmten Situationen anders zu reagieren. Außerdem war es mir ein großes Bedürfnis dies mit meinen Lesern zu teilen. Zu zeigen, dass nichts in diesem Leben perfekt ist, gar nicht sein kann, dass jegliche Gefühle und seelischen Schmerzen für ein Wachstum hilfreich sein können.

Das Radical Unschooling (also das Annehmen des Kindes, so wie es ist, mit seinen Wünschen, Gefühlen und „Macken“ und der Respekt vor der Selbstbestimmung des Kindes über seinen eigenen Körper und seine Bildung) bleibt für mich persönlich der ideale Weg mit meinen Kindern zusammenzuleben. Vieles im Alltag gestaltet sich angenehmer, liebevoller und einfacher, wenn man nicht versucht gegen das Kind oder seine Bedürfnisse anzukämpfen. Aufgrund der Tatsache, dass so aufwachsende Kinder jedoch sehr wohl um ihre Freiheit wissen (und das ist gut so) entstehen wiederum oft andere Reibungspunkte mit Eltern, die eine konträre Kindheit erlebt haben. Wachsen können daran eigentlich nur alle, die Kinder sowohl als die Eltern.

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